Freitag, 8. Januar 2010

BOAT PEOPLE Auftragsübergabe

Haben heute endlich unseren Auftrag an die Münchner Crew übergeben, und ich muss sagen, ich spüre schon eine gewisse Entlastung. Mal sehen wie's weitergeht. Hier der Inhalt des Auftrags.


Liebe BOAT PEOPLE Ko-Abhängige! Liebe Mitangestellte!


BOAT PEOPLE Ltd ist längst liquidiert, aber der Geist von BOAT PEOPLE geht nach wie vor um, er traktiert uns nach wie vor mit seinen Fantasien von Hipness, Weltläufigkeit, Begehren und Aufbegehren, reflektierter Unfairness als einer höheren Form der Fairness, Revolutionen am Wühltisch, Piraterie und kritischer Affirmation in Warenform, Konsum als ethisch-ästhetischer Aktion und Haltung etc. Da kriegt man doch die Krise.

Wir meinen, dass es auch für uns an der Zeit ist, diesen Geist zu besänftigen und zur Ruhe gelangen zu lassen, jetzt da alle Welt bemüht ist, die Dinge wieder ins Lot zu bringen. Und wir sind zur Überzeugung gelangt, dass wir dazu diesem Geist ein Opfer bringen müssen.

Wir haben daher beschlossen, Euch die Überreste von BOAT PEOPLE zu übergeben mit dem Auftrag, die im Namen von BOAT PEOPLE in die Welt gesetzten Güter und Ideen rituell wieder rückabzuwickeln und ungeschehen zu machen, sie in die immerwährenden herrlichen Kreisläufe menschlichen Lebens und Wirtschaftens einzuspeisen.

Die folgende To Do Liste führt im Detail auf, was diese Rückführung beinhalten muss, wenn Sie funktionieren soll. Nur bei genauester Beachtung sämtlicher Punkte besteht eine Chance auf Erfolg. Das Wie der Ausführung und die effektvolle Füllung von Interpretationsspielräumen legen wir vertrauensvoll in Eure Spezialistinnenhände.

- Trennt die übrig gebliebenen BP-Kollektionsteile in ihre H&M-Grundbestandteile und verwandelt dieselben in die H&M Baby- und Kinderoutfits zurück, aus denen sie gewonnen wurden. (Das Auftrennen kann durch alle Ko-Abhängigen [inklusive Publikum] erfolgen und ist kontinuierlicher Begleiter und Metronom des ganzen Rückführungsrituals. Die aufgetrennten Teile sind nach Herstellungsländern zu ordnen und als gestaltete Rauminstallation / Objekt zwischenzulagern. Die Designerin oder Assistentin der Designerin kann nach Bedarf beauftragt werden, die Einzelteile wieder zu den H&M-Kinderoutfits rückzudesignen).

- Befördert die redesignten H&M-Baby- und Kinderoutfits zur Fertigung an ihre ursprünglichen Produktionsorte zurück. (Achtung: es ist wichtig, die H&M- Produktionsstandorte genau zu eruieren, z.B. durch Anfrage bei H&M oder einer Textilarbeiterorganisation wie Clean Clothes, und die redesignten Teile zur Wiederinstandsetzung möglichst in die Hände der ursprünglichen ArbeiterInnen zu bringen – die Teile müssen den Transport- und Transaktionsweg umgekehrt zurücklegen, wenn das Ganze funktionieren soll. Der Prozess umfasst: Kontaktaufnahme mit ursprünglichen ProduzentInnen, Preisverhandlung für die Arbeit, Organisation und Durchführung des Transports.)

- Gebt die redesignten und in den Produktionsländern in den Urzustand zurückversetzen H&M Kinderklamotten an die Firma H&M zurück. (Idealerweise sollte die H&M Zentrale in Hamburg dazu gebracht werden, die fertig rückproduzierten Sachen wieder in ihr Sortiment aufzunehmen: Die H&M Verantwortlichen müssen gelöchert werden, sich auf diese Weise an der Ruhigstellung des BOAT PEOPLE Geistes zu beteiligen. Die Bearbeitung der H&M Verantwortlichen und deren Dokumentation ist Voraussetzung dafür, die rückproduzierten Teile notfalls in einzelne H&M Filialen zurückschmuggeln zu können).

- Spürt die wenigen verkauften BP-Kollektionsteile auf und integriert sie in den Rückführungsprozess (Erstellen einer Liste der Käuferinnen, Kontaktaufnahme mit diesen, Versuch einer Rückholung der Teile, um sie ebenfalls rückzuproduzieren, oder wenn das nicht gelingt, zumindest eine Weiterverbreitung zu verhindern.)

- Überschreibt die zur BP-Eröffnungsschau im Burgtheater entstandenen Defilés und Szenen (vgl. Premieren-Mitschnitt und Dernieren-Mitschnitt), indem ihr die Abläufe rückwärts spielt.

- Sichtet das im Zusammenhang mit BOAT PEOPLE entstandene Bild- Video- und Klangmaterial und bearbeitet es im Sinn von Übermalungen, Nachbildungen, Re-Mixes, Verzerrungen, Montagen, Umwertungen usw. Ein bloßes Löschen wird jedenfalls nicht genügen. Dazu wird z.T. ein Einholen bzw. eine Mitwirkung von Rechteinhabern wie Georg Soulek, Burgtheater, Robert Lehniger und Wolfgang Schlögl nötig sein.

- Entfernt alle Hinweise auf das Projekt BOAT PEOPLE aus dem Netz, und zwar nicht einfach durch Löschen einzelner Dateien und der Domain, sondern wiederum durch deren Umwertung, so wie ja schon BOAT PEOPLE eine Umwertung der vietnamesischen und afrikan. Bootflüchtlingsschicksale darstellte.

- Fragt bei Betroffenen wie H&M, BP-Newsletterbeziehern, Besuchern der Shows und Messen nach, welche Wirkung BP auf sie gehabt hat, insbesondere inwiefern sie dadurch in irgendeiner Weise verstört oder beleidigt wurden, und entwerft und schaltet eine Reihe von Anzeigen, in denen ihr die Firmenphilosophie von BOAT PEOPLE dekonstruiert und dadurch verursachte Störungen im Gefühlshaushalt oder gar im Konsum- und Produktionsverhalten der Betroffenen rückgängig zu machen versucht. Um die Wirkung zu erhöhen, sind Großeinschaltungen gefragt, für Medienpartner oder Sponsoren gewonnen werden müssen, da es dafür kein Budget gibt.

- Entschädigt die PraktikantInnen, die für BOAT PEOPLE gearbeitet haben, für die Zeit und die wertvollen Ideen, die sie in BOAT PEOPLE gesteckt haben. (Kontaktiert sie, befragt sie zu ihren Gewinnen und Verlusten durch die Mitarbeit, teilt ihnen mit, dass ihre Werke wieder aufgetrennt und zerstört werden, und denkt Euch eine ausgleichende Beschäftigung für jede aus.)

- Vergießt die virtuellen Tränen der Designerin über jedes ihrer zerstörten Werke und besprengt damit die Installation aus den aufgetrennten Teilen.

- Entwickelt und organisiert eine Shopping-Tour für Olivia und ihre Kinder, um sie dafür zu entschädigen, dass sie keinen einzigen Auftrag von BOAT PEOPLE erhalten hat.

- Vollführt einmal die Woche eine freundliche Geste gegenüber einer Verkäuferin in einem H&M Laden, als Wiedergutmachung für die pauschale Verurteilung der H&M Verkäuferinnen als unglücklichste aller Verkäuferinnen. Lasst Euch von ihr bestätigen, dass Eure Geste ihren Tag gerettet hat.

- Durchforstet alle BOAT PEOPLE Dokumente, Verträge und Bilanzen, und überschreibt den Namen BOAT PEOPLE jedes Mal mit einem anderen, schöneren Firmennamen.

- Erklärt was Boat People war, ohne die Begriffe BOAT PEOPLE, Kleidung, Design, Kapitalismus, Label, H&M, Firma zu verwenden.

- Entwickelt ein fünf Minuten dauerndes Ereignis, um zu verhindern, dass irgendjemand dabei an BOAT PEOPLE denkt. Führt es mehrmals am Tag gemeinsam aus und prüft nach, ob es gewirkt hat.

- Arbeitet die Unterschiede zwischen der Abwicklung von BP und der von Arcandor heraus und legt sie präzise und allgemeinverständlich dar.

- Versucht, die Sachbuch-Autorin Kathrin Hartmann ("Ende der Märchenstunde") als Gutachterin für die Öko-, Klima-, Industrieunabhängigkeits-, Sozial- und Stilbilanz Eures Vorhabens zu gewinnen.

- Bereitet einen Abend vor, in dem ihr möglichst viele der abzuarbeitenden Aufgaben ausführt bzw. den Stand der Abarbeitung dieser Aufgaben dokumentiert oder darüber berichtet. (Messt euren Arbeitsfortschritt indem ihr etwa die aufgetrennten und rückgeführten Outfits zählt. Bewertet den Grad Eurer Loslösung von BOAT PEOPLE, was ihr geschafft habt und noch zu schaffen hofft, was vielleicht falsch gelaufen ist, was ihr anders hättet machen sollen, wie lange es noch dauern wird, ob die gewünschte Wirkung einer Aufgabe nicht auch anders zu erreichen wäre, findet Parallelen zu Eurer Tätigkeit in der Theaterliteratur und spannt sie für Eure Zwecke ein, spannt das Publikum für Eure Zwecke ein, hört in Euch hinein, wie sehr ihr noch vom Geist von BOAT PEOPLE beherrscht werdet. Sorgt unbedingt dafür, dass der Abend nicht langweilt.)

- Führt den ganzen Prozess so lange öffentlich durch, bis er von gleich vielen Leuten gesehen wurde wie die Einführung von BOAT PEOPLE.


Wir verlassen uns auf Euch, die verfolgten Firmengründer.

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