Samstag, 27. März 2010

Eigenrückführung

Tut mir leid, Freunde. Ich habe Euch die Sachen zwar übergeben, aber habs einfach nicht ausgehalten, sie auf dem Friedhof der namenlosen Requisiten nach und nach schwinden zu sehen. Ich weiß nicht, wie Ihr Euer Entsorgungsritual anlegt... vielleicht kommt ja noch was. Aber die Ungewissheit hat Sorge eher noch gesteigert. Und so blieb mir nichts anderes übrig als zur Selbstheilung zu greifen. Ich hab mir ein paar von den zurückgenähten Teilen geschnappt und sie an ihren Bestimmungsort zurückgebracht: H&M Filiale, Olympiazentrum; H&M Filiale, Kaufinger Straße. Sie haben sich an beiden Orten ausnehmend gut gemacht. Was für eine Erleichterung!

Dienstag, 23. März 2010

Todesstoß oder Wiederbelebung?

Nun ist es raus, das gute Stück.
Aber ER ist noch immer da. Und wie. Kehrt Abend für Abend wieder. Der Geist der Firma. Verwandelt, aber nicht verschwunden. Zwischendurch hat er ganz unerwartete Formen angenommen. Und getobt, was das Zeug hielt. Da war ich regelrecht weg.
Dabei geben die Cleanerinnen zweifellos ihr Bestes. Vielleicht liegt es daran, dass sie nicht das Letzte geben. Das Auftrennen und Rückdesignen geht überaus zäh vonstatten. Es ist noch immer kein einziges T-Shirt in einen H&M Laden zurück gebracht worden! Die Cleanerinnen scheinen eine starke Neigung zu verspüren, mit H&M gemeinsame Sache zu machen: das Angebot der Hamburger Zentrale anzunehmen, die Teile gemeinsam einem wohltätigen Zweck zuzuführen.
Würde das dem Geist der Firma nicht den endgültigen Todesstoß versetzen? Oder belebt ihn das vielmehr aufs Neue, wenn man sich so kaufen lässt, statt sich frei zu verströmen?
Hoffe, die Cleanerinnen wissen, was sie tun.

Freitag, 12. März 2010

Das weiße Rauschen

Rund 300 Bettelbriefe haben wir ausgeschickt, in denen wir um Mithilfe bei der Rueckfuehrung von Boatpeople-Teilen nach Indien, China, Bangladesh gebeten haben. Ca. 100 davon hoechstpersoenlich von Hand beschrieben und an ausgewählte Leute weitergeleitet ... Schmerzvoll das vergebliche Warten auf Antwort. Das Postfach der eigens eingerichteten Hotline (hotline@boatpeople.at) ist blütenweiß und leer.
Selbst die nimmermüden SPAMROBOTER scheinen uns zu ignorieren.
Legen die von uns angeschriebenen Personen denn überhaupt keinen Wert auf eine BOATPEOPLE-freie Welt? Es tut weh, das sehen zu müssen, darf aber nicht dazu führen, dass wir in unseren Anstrengungen nachlassen. So schnell sollten wir die Leute nicht aus der Verantwortung entlassen. Es bleibt immer noch die Möglichkeit, Ihnen hinterherzutelefonieren und sie anzubaggern, bis sie Waffen strecken. Ihnen vor Antritt Ihrer Wellness-, Kunst- und Geschaeftsreisen auf dem Flughafen aufzulauern und Ihnen unser Anliegen in der konkreten Form unserer ruehrenden redesignten Kinderklamotten aufs Auge zu drücken...

Donnerstag, 11. März 2010

Schatten der Besessenheit

Mittwoch, 10. März 2010

Lieber Blog, nimm mich in dir auf!

Auch wenn ich nicht mehr weiß auf welcher seite ich stehe. es ist passiert ich bin ein widerspruch geworden! nein mehr als das, ich fürchte der geist hat schon fast vollständig von mir besitz genommen. mit letzter kraft meldet mein cleanerinnen-ich: ich werde körpergefressen, wer weiß, ob die anderen schon hinter mein geheimnis gekommen sind, sie glauben sich umgeben von knallharten, widerstandsfähigen cleaningkolleginnen, tun sie das? oder mißtrauen sie mir so wie ich mir selbst? hilfe, hilfe hilfe! was werden sie mit mir tun, wenn sie eins und eins zusammen zählen: zuerst war da der verlust von vier kleidern! einfach aus dem fahrradanhänger gefallen und damit wieder in der welt! damals habe ich noch geglaubt, dass mir das einfach so passiert ist, eine simple persönliche unachtsamkeit, ohne bedeutung. aber dann: kaum will ich loslegen, den geist in die mangel nehmen, ihn mir vorknöpfen, da bleibt mir die stimme weg. was mache ich? ich gehe zum hals nasen ohrenarzt, oh unheilbringende ärztehörigkeit, da muss sich der geist in mir schon gebogen haben vor lachen!
dann: mein skype geständnis, ich frage mich hat johannes dicht gehalten? oder wissen jetzt alle, dass ich ein überläufer bin? ich schwöre, das waren nicht meine ureigensten cleanerinnenworte, die ich da in die kamera gesagt habe, das war nicht ich. ich zittere, ich fürchte mich, was wird noch kommen.
gestern auf der probe ein out of body erlebnis: die härtesten cleanerinnen der welt beim strategiegespräch und was passiert mit mir? mein intriganter, mir selbst entfremdeter körper mimt verständnis, im kopf: störfeuer! knistern, irgendetwas wurde gelöscht, kann mich nicht erinnern, was war nochmal mein auftrag?
sind das meine letzten lebensäußerungen? ich weiß wie unbarmherzig die cleanerzunft ist, vielleicht ist das die lösung, ich sauge den geist vollständig in mich auf und opfere mich! ich bin bereit, mäh, mäh

Nix back to Wühltisch

Thank you, the parcel sent to you by UPS Expess Saver service, and you willhave it tomorrow. Tracking no. H8068658435
Best regards
Gina


Jubel im Lager der Freibeuterinnen! Ein Teil der Rückführung ist so gut wie geschafft. Morgen kommen die von der Firma Vikada rückgenähten Kindershirts aus Litauen zu uns auf die Probe.

Ob ich sie mir gleich in die Tasche stopfe und in den H&M in der Kaufingerstraße schmuggle? Ein Auftragspunkt wäre mit Bravour erfüllt!

Ich bin so stolz auf die Reise, die diese Stoffstücke hinter sich haben:

Wie wir sie, immer im Handgepäck, unter den Argusaugen des Bodenpersonals und aufs Sorgfältigste in der blauen Sporttasche nach Litauen transportiert haben.

Wer hat die Tasche? Ist die Tasche noch da?

Wie wir Gina, die Chefin von Vikada, am Konferenztisch überredet haben, die komplizierten Unikate wieder zusammen zu nähen – von ihrer besten Schneiderin, die nur Samples macht. Hat ein Heidengeld gekostet.

Und dann das ganze hin und her im Nachhinein, die vielen Mails über Transport, Rechnung, Auslandsüberweisung, Fragen über Fragen, Gina und ich waren fast jeden Tag im Kontakt

Irgendwie habe ich überhaupt keine Lust, die kostbaren Hemdchen in den Rachen eines H&M Wühlregals zu werfen. Wo sie doch nur missachtet und von einer kaugummikauenden Verkäuferin in den Müll geschmissen werden, da nützt der umfangreiche Infobrief an H&M auch nichts.

Lieber möchte ich sie während der Performance präsentieren, Naht nach außen, im Rampenlicht, da, wo sie hingehören: schau, liebes Publikum! Fühlen Sie mal, wie viel Geschichte, wie viel Arbeit, Schweiß, Kohle, Besessenheit und Herzblut in diesem kleinen T-shirt steckt! Von der Designerin und den Praktikantinnen ganz zu schweigen. Nix back to Wühltisch. Nicht mit mir. Ich bin schließlich Piratin, ich kämpfe für die verletzten, geflickten Babyteile, zur Not auch mit dem Schwert. Oder Säbel.

Sonntag, 7. März 2010

Wir treiben aufs offene Meer

Mit den ersten aufgetrennten Outfits scheint auch aus allen übrigen Klamotten die ihnen innewohnende Kraft geschwunden zu sein. Lange ist es her, dass wir auf der Berlinale in ihnen geglänzt haben. Mühsame Arbeitstage liegen dazwischen, alle Cleanerinnen mehr oder weniger malade, Erschöpfungszustände, Kopfschmerzen, Phantasielosigkeit, Übelkeit, Erbrechen, technische Geräte geben ihren Geist auf, indem sie wie von alleine aus der Hand fallen. Das kann nicht mit rechten Dingen zugehn. Irgendjemand oder irgendetwas scheint uns lahmlegen zu wollen und großes Interesse am Nichtzustandekommen des Abwicklungsvorgangs zu haben. Die Show ist gefährdet! Der Auftrag überfordert uns! Jetzt hat Johannes in Form von Skypeinterviews mit uns gesprochen, dass brachte zumindest kurzfristig Erleichterung. Wenigstens er interessiert sich für unsere Qualen, zumindest literarisch kann er sie eventuell umwandeln und uns eine Stimme geben. Ich spreche kein privates Wort, eher sterbe ich stumm neben dem blauroten Superwomankleid.

Freitag, 5. März 2010

Verschollenes Videomaterial

Über ein paar Ecken erreicht mich gerade die Nachricht, dass wertvolles Videomaterial – Aufnahmen von der letzten Wiener Aufführung – verschollen ist. Ich frage mich bange, was das bedeutet. Ist es nun der sachkundigen Entsorgung für immer entzogen? Oder können wir es als bereits entsorgt betrachten?
Um meiner Seelenruhe willen, habe ich beschlossen, einfach letzteres anzunehmen. Wie könnten wir sonst je auf Versöhnung hoffen? Auf alle Fälle muss sichergestellt werden, dass hier nicht etwas heimlich zurückgehalten wird. Wir benötigen dringend eine offizielle Beglaubigung von superjeans, dass die DVD wirklich verloren ist! Ich flehe Euch an, bekniet sie.

Dienstag, 2. März 2010

Bekenntnis

Im Prozess der Produktion wird mir klar, dass ich meine Cleanertätigkeit nur halbherzig betreibe. Wo ist sie hin die Begeisterung, die Hingabe und der Glaube, etwas bewegen zu können. Ich fühle mich schwach, all den Produktionsbedingungen und Anforderungen der funktionierenden Entsorgung gegenüber. Ich möchte mich bei H&M bewerben und endlich aus dem Kunstbetrieb aussteigen und einer geordneten Tätigkeit als Verkäuferin nachgehen. Meine Cleanerkolleginnen sind voll bei der Sache, sie sind kreativ und begeistert in allen Bereichen ihres Jobs. Selbst Susanne, die es schwer erwischt hat und die vom Geist enorm geplagt ist, schreibt seitenlange Emails fiebernd in ihrer Erinnerung an Berlin. Ich bin verzweifelt, wohin treiben wir?

Samstag, 27. Februar 2010

der härteste cleaner lauert

München, Caritas-Mädchen-Wohnheim, sechste Etage mit Blick auf den Olympia Park. Hier liege ich, der härteste Cleaner, auf meiner gelb-rot gestreiften Bettdecke, die Ellenbogen auf die sechziger Jahre Mamorfensterbank gekauert und starre in die Ausicht. Konzentration! Ich habe einen Auftrag! In die andere Richtung dieser entsetzlichen Behausung, die mir die Organisation verpasst hat, kann ich nicht starren, denn dort schreit mich alles so bunt an, dass es mich von meinen knallharten Gedankengängen ablenken würde. Wie ist das alles zu erledigen? Wie kann man effektiv vorgehen? Ich sehe rot. Und gelb. Wenn ich hier nicht einen Job zu erledigen habe, wohnt in dieser Kemenate eine Russin. Roter Teppich - (schon wieder! der verfolgt mich!), gelbe Schränke, viele, viel zu viele Zimmerpflanzen, jahrmarktsgrosse Stofftiere in blaurot, grüngekachelte Waschbeckenecke, dutzende Farbphotos von russischen Familienmitgliedern und als Eyecatcher dazwischen ein Airbrush Hundeposter mit einem Puppy, unter dessen linkem Ohr ein kleines Kitty-Kätzchen schläft. Und noch so ein paar Girlanden aus Flitter hier und da. Kühlschrank neben dem Kopfende meines IKEA-Jugendbettes. Brumm Brumm. Künstliche Antarktis für einen kühlen Kopf? Gleich rosa Post-it-Zettel schreiben: morgen Oropax kaufen bei meiner Lieblingsapotheke in der Schleissheimer Strasse. Duschen sind auf dem Gang. Keine Badewanne. Und so soll man also Material vernichten als Cleaner. Säure gibts auch nicht, es sei denn, man benutzt den Rotwein als solche, den ich am ersten Tag im Theater diskret habe mitgehen lassen, um den Anfangs-Farb-Aufprall in meinem Appartement zu mindern. Aber immerhin muss man sagen: alles eine sehr harmlose Larve für den Härtesten aller Cleaner: mich. Nie besessen gewesen, habe ich bisher alles beobachtend verfolgt, habe mir auch brav ein weisses (!) BP- KLeid angezogen, hab auf einer Berlinale- Party rumgehopst, mit nem eitlen Hauptdarsteller parliert ("tolles Kleid, ich besorg dir nen Spot") hatte sogar, was keiner meiner Kolleginnen weiss, einen Flirt mit Richard von Weizsäcker ... aber nie, NIE! habe ich mich dieser "Oh wie schade diese Kleider sind doch sooo schön"- Sentimentalität auch nur für einen kurzen Moment hingegeben, auch wenn Lisa D. (wofür steht das D eigentlich?) das glaubt aufgrund des ominösen Zettels, den ich geschrieben habe, wo "bitte nicht auftrennen" draufsteht. Aber auch das bloss: Vorbereitung und Kalkül für kommende Taten. Vorausdenken. Was wird man schon bald brauchen? Ich bin bereit. Ich warte. Spät in Erscheinung tretend, dass sogar mein Autraggeber mit der Besessenennummerierung durcheinander kommt, bekenne ich: nein, ich bin nicht besessen und war es nie. Zeige dich nur, Geist! Ich hab mein XXL-Schmetterlingsnetz dabei! So. Jetzt wird es draussen dunkel und ich kann es wohl wagen, mir bei meinem Lieblings-NORMA in der Schleissheimer Strasse noch schnell eine Tütensuppe fürs verdiente Wochende zu kaufen.

Freitag, 26. Februar 2010

Achtung baldige Lieferung aus Litauen

Jetzt sind sie auch in Kaunas mit der Produktion fertig. Heute hat Daiva Eidukyniene, die Marketing Director von Omniteksas JSC geschrieben:
yours T-shirts are ready already...
Vor ein paar Tagen schon hat mich Gina von Vikada informiert, dass die Sachen fertig sind. Echt verlässlich, alle beide.
Thank you, Daiva and Gina. I’m sure, you did a great job.
UPS-Nummer und Lieferadresse habe ich bereits gemailt. Jetzt ist es nur noch eine Frage von Tagen, bis wir die ersten T-Shirts an Hennes & Mauritz zurückgeben können. Freu mich schon drauf! Da wird ein erster Sorgenbrocken fallen!

Donnerstag, 25. Februar 2010

Prominentes Geschmiege





Dieses Kameragegrinse, diese scheinheilige Feilbieterei des Materials an den züchtigen Braunpullunder von Herrn P. ...









Und da! Hat der doch Herrn B.s Hand in kesse Stoffspiele verwickelt! Geschmacklos!

Warte nur Geist! Mit ihren Scheren werden sie dir zu Leibe rücken und dann wirst du ausradiert. Wir werden ja sehen, wer hier zuletzt lacht!

Mittwoch, 24. Februar 2010

Was finde ich unter den zurückgebrachten Kleidern?!





Rote Teppiche tun den Cleanerinnen gar nicht gut! Das ist Auftragsverweigerung! Du trennst das Teil jetzt selber auf!

Die Entsorgung hat schon begonnen


Es ist ein regnerischer Abend in München. Am Rand der Stadt, auf einem verlassenenen Kasernengelände, in einer schmutzigen Halle im hintersten Winkel links ist noch Licht.
Die Tür ist nur angelehnt, ich spähe hinein...Drinnen ist die österreichische Designerin tief gebeugt über den Boden, der bedeckt ist mit Teilen von grell türkis und pink leuchtenden Teilen
von H&M Babyregenjacken. Sie bemerkt mich, strahlt, komm, ich hab schon eins fertig, ziehs an, ziehs an! Das erste Cleaner-Outfit ist ferigtgestellt! Ich ziehs an, etwas knapp, ich mach dir noch ein passendes, ich trags rüber zu den anderen, kristina ziehts an, es passt perfekt und wir sind alle drauf! Ja, das ist es, die Entsorgung kann beginnen! Wir sind bereit! Wir sind die Cleaner!
Die fleißige Praktikantin Christin hat bereits die ersten drei BP-Kleider aufgetrennt...Das schmerzt, aber weniger als ich dachte...morgen nehm ich mir eins mit nach Hause und trenns auf, heimlich still und leise..

Samstag, 20. Februar 2010

ich werds dir zeigen!

Hiergeblieben! Das rosa Abendkleid muss aufgetrennt, es muss in kleine Mädchenkleider zurückverwandelt werden, schmerzt es noch so sehr!
Die haben dich auf dem roten Teppich dermaßen aufgepumpt, dass ich was dagegen unternehmen muss. Ich renne in die Nacht, ins Atelier, stürze mich auf die übriggebliebenen Reste der bereits entsorgten Shirts und baue Amulette, die werden helfen dich zu vertreiben und die Mädels wieder zur Besinnung zu bringen. Vor Jahren hatte ich schon einmal mit einem Kollegen von dir zu tun, der in meine Nachbarin Uscha eingefahren war. Da hat Thomas mir geraten, es mit Magie zu versuchen. Ich baute nach seinen Anweisungen ein Amulett. Es hat geholfen.

Freitag, 19. Februar 2010

Atemlos in Berlin

Es hat ein Weilchen gedauert bis der Geist mir nun eine Verschnaufpause gönnt. Das Herzflattern ist vorbei, und die Energie, die mich drei Tage atemlos durch Berlin getrieben hat, ebbt langsam ab. Mein eigener Berlinale-Film ist mit Handkamera gedreht, wacklig, verwischt, rasant und ohne Ende.
Sonntag komme ich an, erschöpft und müde aus München, doch schon als ich im Zugklo das braune Boat People Kleid überstreife nimmt mein Herz Fahrt auf.
In Friedrichshain schmeiße ich die Taschen in die Ecke und stürze mich in die Revolver Party.
Ich und mein Kleid, wir sind in Berlin! Angelika und ich schauen von der Brüstung auf die tanzende Menge, Kontaktfieber, Zigarettenluft, Berlinale, die roten Preisschilder baumeln im Disco Licht und schon geht es los: Du hast da...ja, danke, das gehört so.

Weiter. Am nächsten Tag sehe ich mein Premieren Kleid in Lisas Atelier hängen, ein Traum in Rosa und Pink, und verliebe mich sofort. Es fehlt ein Umhang dazu, und ich schleiche mich heimlich mit dem Kleid in der Tüte in den H&M, wie absurd, Glitzerschal und Ansteckblume, schnelle Beute, an der Tür piepst es, den herbeigestürzten Verkäuferinnen zeige ich den Traum in Rosa und die vielen Schilder, das ist Ware von vorgestern, sie sind verwirrt.

Dann sind wir auf dem Teppich. Ich kann es kaum glauben. Was für ein schönes letztes Geleit,
eleganter geht´s nicht, die Kleider und wir im Blitzlichtgewitter, jetzt die Dame in Pink bitte, solo, hilfe... Mach was mit deinem Kleid! ruft Angelika, und als die Kinderhemdchen durch die Luft flattern fühle ich mich wieder sicher.
Herzlich willkommen zur Premiere von Der Räuber! Ein Schauer, Zittern und das Gefühl, hier im Berlinale Palast im Mittelpunkt der Welt zu sitzen, ich bin so glücklich, hier zu sein, jetzt und rosapink, das muss dem Geist gefallen.
Die Aufregung, die Atemlosigkeit bleibt, den ganzen Film durch, verstärkt sich, ich halte mich fest im rosa Stoff und renne, wie Andreas Lust renne ich innerlich besessen durch Berlin. Denn ich habe einen Auftrag.
Auf der Premierenfeier viel Prosecco auf Eis, alle Besessenen sehen so schön aus, sprühen und funkeln, Lisa lächelt, der Geist erfüllt uns mit wundersamer Kraft. Kristina hält mir ihr Sektglas hin: Lass da mal die Luft raus. Ich lache, yeeeha! und stürze zur Bar. Und immer wieder: "Was für ein schönes Kleid."
Mein Traum in Rosa. Du darfst nicht sterben. Ich rette Dich. Auch wenn es dem Auftraggeber nicht gefällt. Wir fliehen über die Grenze, wechseln das Auto, rauben eine Bank aus und werden Gallionsfigur auf einem Schiff, du und ich im Wind, stolz flattern die Kinderblusen über dem Meer. Ich hole tief Luft.

Keine Angst, es schwächelt schon

So stark ist er also der Geist... vor dieser Berlinale Premiere, das war der schlappste Morgen des ganzen bisherigen Jahres, keine zehn Pferde bringen mich heute noch auf Touren, hab ich gedacht... aber dann in Lisas Atelier, ich steig ins erste Kleid, hm, ja, ok, zieh mal das an, ja das find ich super, in dem hast du ne super Figur... und zack, da bin ich voll da, hysterisch, geil auf mich und die anderen und die Sache rollt, das geht alles noch, das geben sie noch her, die Klamotten, und dann wieder die Fragen, aber wie kann man nur, die dürfen doch nicht zerstört, aufgetrennt, gemeuchelt werden! HA!
Aber auf der Party, da war es dann soweit, da war's einfach zappenduster und da fängt's dann an zu schwächeln, das Geistlein, da sind sie dann gar nicht mehr so besonders und auf einmal ist das nur mehr ein kleiner Schritt, diese Mordsteile in das zu zerlegen, was sie waren, eine Horde stinknormaler kleiner Pullöverchen, Röckchen, Strampler. Man muss ihnen einfach nur den Saft abdrehen, das Licht ausschalten, den Ton abdrehen. Und dann zur Schere greifen. Kein Problem!
Macht Euch keine Sorgen. Es wird entsorgt werden.

Montag, 15. Februar 2010

Auf dem roten Teppich

Berlinale Palast, kurz vor vier, letzter großer Auftritt für fünf große BOATPEOPLE-Roben.
Bevor sie ihrer endgültigen Entsorgung entgegen gehen, stellen wir sie noch einmal ins Scheinwerferlicht, führen sie über den roten Teppich, lassen uns in ihnen fotografieren und filmen. Und alles klappt wieder einmal wie am Schnürchen. Gespenstisch! Berlinale Chef Koslik spricht uns an, ob das der neue Berlinale Look sei, auf der Damentoilette raunt man uns diskret zu, wir hätten da das Preisschild vergessen und die Kleider sind sofort Gesprächsstoff, „It’s great, I love it“. Die taz fotografiert exklusiv Sophie’s Dekolleté, an dem ein 70% Rabattschild hängt, wahrscheinlich wegen der krass-politischen Aussagekraft... Wir schaffen es sogar, einige BP-Teile in der Nähe des altehrwürdigen Richard von Weizäcker zu plazieren, was ihnen außerordentlich gut steht... Ihm auch.

Samstag, 13. Februar 2010

Let's exchange business cards

Susanne und ich im Taxi auf dem Weg zur Österreichischen Botschaft, Heimat bist du großer Söhne und Töchter. Wir, die Boat People Töchter stehen jedenfalls auf der Gästeliste und landen nach langer Fahrt durch die Bundesrepublik endlich auf österreichischem Boden.

Die Bundesministerin für Unterricht und Kunst stellt die Cremedelacreme des Österreichischen Films vor und sie sagt sie hat Respekt vor uns, vor der Kunst, das ist schön, wirklich, nein, wirklich!

Das Büffet ist gigantisch, wie unsere Kleider und ich ärgere mich jetzt noch, dass ich nichts vom Kaiserschmarrn genommen habe.

Aber ich habe keine Zeit, Susanne auch nicht, wir arbeiten uns kulturpolitisch links am Buffet vorbei zu Brigitte Fürle, über Sigrid Gareis direkt auf die Bundesministerin zu und ha, schon zückt Susanne die Schere und reicht sie weiter an BM Schmied und die schneidet mir begeistert das Kleid vom Leib. Wow!

Nackt wie ich jetzt bin, kontaktet sichs nun schon viel leichter, ich entspanne mich und sie ist wirklich interessiert, ich erzähle über die Firma und dass das alles jetzt ein Ende haben wird und über den Geist, der uns umtreibt und über Kultur und Austausch und die vielen Projekte, die ich noch machen will und dann verheddere ich mich, weil ich noch so viel sagen will, aber es macht nichts, denn schon legt sie ihren Arm um mich und beginnt mich zu küssen. Als ich einen kurzen Blick auf Susanne werfe, sehe ich, dass sie längst in den Armen des Kulturattaches liegt und er sie gerade auf das weiße Sofa niederzieht, auch sie ist nackt. Niemals hätte ich gedacht, dass alles so einfach sein kann. Und Mozart schaut zu und Peter Patzak und Benjamin Heisenberg, obwohl der glaub ich kein Österreicher ist.

Wir wollen gar nicht mehr weg aus der Österreichischen Botschaft, mit den Resten des Büffets können wir mindestens 2-3 WOCHEN überleben, Susanne, der Kulturattaché, BM Schmied und ich. Theoretisch könnten wir die anderen auch einschleusen, wir könnten die Botschaft zur Berliner Spielstätte umfunktionieren. Der Kulturattache und BM Schmied sind erschöpft eingeschlafen, diesen Empfang werden sie lange in außerordentlich guter Erinnerung behalten, die Gäste sind mittlerweile verschwunden, Susanne und ich schlüpfen zufrieden lächelnd wieder in unsere Boat People Outfits, gehen auf die Straße und bestellen ein Taxi.

Dieses Blickeaufsichziehen, da müssen Cleanerkostüme her!

Heute vormittag tanzen die Mädels auf dem Empfang auf der österreichischen Botschaft herum. Angie hat mich vor einer Stunde angerufen, soeben hat dort Bildungsministerin Schmied selbst Hand an ein BOATPEOPLE Outfit gelegt und es ein Stück weit aufgetrennt. Ich bin erleichtert.
Trotzdem, dieses dauernde Aufmerksamkeitheischen, dieses dauernde Blickeaufsichziehen! Das alles macht mich nervös. Ich musste sofort in die nächst gelegene H&M Filiale gehen, in diesen gräßlichen Arkaden am Alexanderplatz, und mir 20 kleine türkise Regenmäntelchen aus der Kleinkinderabteilung schnappen. Daraus mache ich denen dann ganz normale Cleanerkostüme. Weil die dauernd so glänzen wollen. Und die müssen sie dann am Schluss selbst zurücknähen! Oder aufessen!
In der Filiale suche ich fieberhaft nach Prozentschildern, nach Preisnachlässen. Nichts! Ist das ein Zeichen, dass die Aktion schon Wirkung zeigt? Ich war so aufgeregt, dass mir bei der Kassa die Pistole aus der Tasche fiel, die Verkäuferin hat es nicht bemerkt. Zum Glück. Aber Marine hat alles dokumentiert.